Martinsweg

 

Kulturweg auf den Wittnauer Buschberg (6,5 Kilometer Rundweg, Wanderzeit ca. 2 ½  - 3 Std.)

Karte

Auf kleinstem Raum inmitten des Tafeljuras finden wir eine Gegend reich an Geschichte, Kultur und religiösen Zeichen: das Horn und der Buschberg im Gemeindegebiet von Wittnau.


Im Schriftenstand der Kirche finden Sie die folgende Wegbeschreibung über den Martinsweg auch als Broschüre zum Preis von Fr. 5.-. Die Broschüre kann auch beim Pfarramt Wittnau bestellt werden.
   

Wir beginnen den Martinsweg im Wittnauer Mitteldorf (Bushaltestelle) und wandern vorbei an der Kirche Richtung Faandel. Wir folgen nun dem mit braunen Wegweisern  markierten Martinsweg der zugleich bis zur Grotte auch der offizielle Wanderweg ist (das Chäppeli besuchen wir am Schluss des Rundweges). Rasch überwinden wir 120 Höhenmeter und kommen in cirka 30 Minuten über die Hangkrete zwischen Chilmethof und Hornhof zum Waldrand. Wir gehen  an einem kleinen Weiher vorbei und erreichen die Lourdes-Grotte oberhalb des Sundels. Ein Brunnen, errichtet im Jahr 2002 zum 100-Jahr-Jubiläum der Grotte, der vom  gesunden mineralhaltigen Wasser der Sunnhaldenquelle gespeist wird, reinigt und erfrischt uns. Die Sitzbänke bei der Grotte laden uns ein zu einer Verschnaufpause bei der Gottesmutter Maria und der hl. Bernadette, die zu Maria aufblickt.

Oberhalb der Grotte biegt der Weg ab und der Aufstieg zur Buschbergkapelle beginnt. Zum Kantonsjubiläum 200 Jahre Aargau ist im Jahr 2003 ein neuer Besinnungsweg mit 12 Stationen entstanden. Der neue Besinnungsweg ersetzt den alten Kreuzweg aus dem Jahr 1861  und führt auf der gleichen Wegstrecke zur Kapelle. Die 12 neuen Stationen, geschaffen von Martin Hagmann, Zeichenlehrer an der Bezirkschule Frick, erzählen in einer offenen und transparenten Art den Leidensweg von Jesus. Der Blick durch die Glasbilder der Stationen lassen den Blick in unser eigenes Leben zu. Die biblischen Motive der Bildtafeln geben unserem Weg zur Kapelle Inhalt und Sinn.

Grotte
   
Der Besinnungsweg mit den 12 Stationen
Der Besinnungsweg führt uns in einer gleichmässigen Steigung von der Grotte (532m ü.M.) auf den Buschberg (682m ü.M.). Auf der Hochebene des Berges angelangt wandern wir auf dem gut ausgebauten Waldweg nach links Richtung Westen weiter. Dort, wo der Weg aus dem Wald tritt, sehen wir schon von weitem über die Felder das leuchtende Weiss der Buschbergkapelle. Die Wallfahrtskapelle ist eingebettet in eine wunderschöne Landschaft auf dem Hochplateau zwischen dem Homberg und dem Limperg. Wir wandern weiter auf dem Besinnungsweg und erreichen in wenigen Minuten die schlichte Kapelle, die unmittelbar an der Kantonsgrenze zwischen den Kantonen Aargau und Baselland steht. Bei klarem Wetter können wir von der Kapelle aus die Innerschweizer Alpen sehen. Die Kapelle ist der Abschluss des Besinnungsweges. Wir setzen uns unter das Schirmdach, welches 1868 errichtet worden war und  für 50 Personen ein schützendes Dach bietet, und nehmen mit all unseren Sinnen den Ort mit seiner Umgebung wahr.

Wir verlassen die Buschbergkapelle und kehren zurück auf die geteerte Strasse, die uns weiter Richtung Buschberghof zu einem weiteren Schauplatz der bewegten Geschichte des Buschberges führt. Bevor der Weg den Waldrand erreicht, ist rechts im Wiesland (Pkt. 638 400/259 300) eine schwache, aber besonders von Süden her markante Erhebung sichtbar. Aus dem 7. vorchristlichen Jahrhundert stammt hier ein im Jahr 1935 freigelegter Grabhügel.
Besinnungsweg
   
Der keltische Grabhügel
Die Kelten, die in der  Eisenzeit (ab 800 v. Chr.) unser Land bewohnten, waren reich an Kultur und Religion. Bei der Bestattung der Toten wechselten sie in der Spätzeit  von der Brandbestattung zur Körperbestattung. Die Toten wurden unter Grabhügeln auf einem Wagen beigesetzt. Im ursprünglich künstlich aufgeschütteten 6 Meter hohen Grabhügel auf dem Buschberg fand man Skelette von zwei Erwachsenen und einem Kind. Durch die Grabbeigabe einer Schlangenfibel (Sicherheitsnadel) konnte das Grab dem 7. Jahrhundert vor Christus zugeordnet werden. Es ist anzunehmen, dass noch weitere Bestattungsorte auf dem Buschberg zu finden sind.

Der Martinsweg führt uns weiter in eine noch ältere Epoche unserer Ur- und Frühgeschichte.
Nach dem Buschberghof zweigen wir rechts ab und der Weg führt uns längs einer Viehweide Richtung Wittnauer Horn. Auf der linken Seite befindet sich im Weideland ein Findling (Pkt 638 675/259 425). Wer den Findling sehen möchte, folgt bei der ersten grossen Waldwegkreuzung dem Wegweiser Findling und wird nach cirka 350 Meter auf einen Pfeil treffen, der auf den Findling mitten in der Weide zeigt. Auch mit wenig geübtem Auge ist gleich zu erkennen, dass dieser Stein nicht den gelblichen körnigen Kalksteinfelsen entspricht, wie wir sie gewöhnlich bei uns antreffen (Hauptrogenstein). Dieser Stein hier auf dem Buschberg ist schwarzgrün und weiss meliert. Für Erdkundler ist dieses Felsstück von einiger Bedeutung. Nicht umsonst ist eine runde bronzene Marke angebracht: „Geschützt NSK“ (Naturschutzkommission des Kantons Aargau).
Grabhügel
   
Der Findling
In der Risseiszeit, die vor rund 200'000 Jahren begann, war auch unsere Gegend mit Eis überdeckt. Der Eisstrom floss von den Alpen her Richtung Norden und prägte unsere Landschaft mit seinen Hügeln und Täler. Zurück blieben etliche Findlinge, die heute auch als erratische Blöcke bezeichnet werden. „Erratisch“ heisst soviel wie ‚verirrt’ (lat. errare = irren). Findlinge wurden vom Eis verfrachtet und blieben beim Abschmelzen liegen. Unser Findling aus kristallinem Urgestein  könnte nach jüngsten Abklärungen der Uni Basel von den verschiedensten Orten der Alpen stammen.

Vom Findling wandern wir auf der gleichen Wegstrecke zurück und gehen weiter entlang der südlichen Hangkrete zur Hornspitze. Von der Krete hat man einen schönen Ausblick über das Dorf Wittnau.  Wir erreichen die Hinweistafel ‚Refugium’ und stehen nun an einem Ort, der für lange Zeit zu einer Schlüsselstellung innerhalb der Ur- und Frühgeschichte des Alpenvorlandes galt. Ein schmaler Fussweg führt in die Mitte des Refugiums zu einer Informationstafel.
Findling
   
Das Refugium
Was hier erstmals im Jahre 1934/35 ausgegraben wurde, war keine wilde Schatzsucherei, sondern für die Schweiz überhaupt die erste wissenschaftliche Grabungskampagne unter der Leitung des deutschen Spezialisten Dr. Gerhard Bersu  (1899 –1964) für urgeschichtliche Befestigungen. Die Grabungsergebnisse waren überwältigend und einmalig. Dadurch, dass das Horn lange Zeit als prähistorische Stätte in Vergessenheit geriet, konnte praktisch an unberührter Stelle Zeugnisse vieler verschiedenen vergangenen Kulturen zu Tage gefördert werden. Der Archäologische Führer der Schweiz (Band 12) erzählt mit vielen Plänen und Darstellungen die Besiedlungsgeschichte des Wittnauer Horns. Die ältesten Funde aus dem Siedlungsgebiet sind heute im Fricktaler Museum in Rheinfelden ausgestellt und stammen aus der Jungsteinzeit (5.-3. Jahrtausend vor Christus).
Seine 'grosse Zeit' erlebte der Buschberg in der späteren Bronzezeit, die  von 1250 bis 750 vor Christus dauerte. Aus dieser Zeit stammen die noch heute sichtbaren Wälle und Gräben des bewehrten Refugiums. Nach den Grabungen konnte man cirka 60 Hauseinheiten nachweisen. Die Häuser waren entsprechend dem Gelände in verschiedenen Absätzen angelegt und durch einen Wehrgang verbunden. So gab es also schon tausend vor Christus in der Schweiz eine Siedlung nach klarem festen Plan. Auch in der anschliessenden Eisenzeit (Hallstattzeit) wurden die Wehranlagen des Horns eifrig genutzt. Die zahlreichen Knochenfunde von Haustieren, Scherben von Töpferwaren und flache Mahlsteine aus Schwarzwaldgranit weisen auf eine bäuerliche Bevölkerung hin. 500 v. Christus wurde die hallstattzeitliche Höhensiedlung aus unbekannten Gründen verlassen.

Als germanische Stämme von Norden her ins römische Reich eindrangen und die Bevölkerung bedrohten, wurde das Wittnauer Horn erneut genutzt. Die Römer errichteten eine Sperrmauer auf dem Horn um 260 nach Christus. Der Bau von Türmen und die mutmassliche Verwendung von Geschützen zeigt auf, dass das Horn ein sicherer Ort  für Schutzsuchende war und durch die verschiedenen Täler von allen Seiten schnell erreicht wurde. Ein im Jahr 1979 entdeckter Münzschatz aus dem 8. Jahrhundert n. Chr. weist auf die missionierenden Franken hin, die den hl. Martin als Schutzpatron verehrten und das Christentum in unserer Gegend verankerten. Die Franken waren die letzten, die das Horn militärisch nutzten. Während der Ungarneinfälle des 10. Jahrhunderts mag das Horn in besonderem Masse noch als Fluchtburg gedient haben. Die Grafen von Homberg-Tierstein bauten aber  ihre neuen Burgen im 11. Jahrhundert auf dem Felskopf von Tierstein und dem Homberg und nicht auf dem Wittnauer Horn. Das alte Refugium hatte im Mittelalter seine strategische Bedeutung verloren und ist für viele Jahrhunderte bis zu den ersten Grabungen 1934/1935 in Vergessenheit geraten.

Vom Horn steigen wir nun auf dem schmalen Wanderweg die steilen Treppenstufen hinunter und erreichen dort wieder die Waldstrasse. Rechts führt der Weg zurück zur Lourdes-Grotte. Der Martinsweg als Rundweg  führt uns aber links weiter zum 'Martinsbrünndli'. Ein Dorf mit soviel Wäldern, Ruinen und Burgen wie Wittnau besitzt auch einen Reichtum von vielen Sagen. Eine davon ist die Sage vom 'Martinsbrünndli'.
Refugium
   
Der Martinsbrunnen
Die Sage erzählt, dass am Martinsbrunnen einmal die Bergjungfrauen gehaust haben; mildtätige, schöne Jungfrauen, die das Weidvieh vor den Wölfen bewahrten und den Hirten süsse Kuchen und frische Brote an die Weidgatter legten. Beim alljährlichen Flurumgang im Mai liefen früher die Knaben um die Wette voraus, um sich den ersten Trunk aus diesem Bergquell abzugewinnen. Die Nachbarn fanden diesen Brauch der Wittnauer auffallend. Sie  behaupteten, das Wasser dieses Brunnen mache die Leute toll, und wenn sich etwa ein Wittnauer früher in einer Nachbarsgemeinde etwas laut und temperamentvoll aufführte, so höhnte man: „Häsch ab s’Martinsbrünndli gsoffe, as so brüelisch?“.

Neugierig von der Sage gönnen wir uns einen kräftigen Schluck vom herrlichen Quellwasser und testen unser Stimmorgan mit einem kräftigen Jauchzer. Der Weg führt uns bergab und bald stehen wir an der Waldgrenze oberhalb des Faandels. Am Waldrand entlang wandern wir zurück zum Dorf. An der Kirchbachstrasse angelangt haben wir die Möglichkeit in cirka 200 Meter auf einer sanften Anhöhe des Dorfes das Chäppeli zu besuchen. Das Bethäuschen zeigt uns drei Statuen: Mutter Anna mit ihrem Kind Maria, die hl. Katharina von Alexandria mit einem Buch in der Hand  und St. Martin zu Pferd. Bei den Ausgrabungen auf dem Homberg (1882/1884) kamen interessante Überreste einer Schlosskapelle zum Vorschein. So wäre es möglich, dass nach dem Erdbeben von 1356, bei dem die Homburg zerstört wurde, diese Statuen aus der Schlosskapelle im Chäppeli ihren neuen Platz fanden. Auch zum Chäppeli können die Wittnauer eine Sage erzählen.
Martinsbrunnen
   

Das Chäppeli
„Einst wurde die Homburg von Feinden hart bedrängt. Wohl trotzten Mauern und Türme den Angriffen; doch ein anderer Feind grinste im Innern der Burg: der Hunger. Vergebens schaute der Turmwart nach allen Seiten aus; kein Heer nahte zur Rettung. Da, in höchster Not, bestieg der Graf von Homburg vor aller Augen einen schneeweissen Schimmel und gelobte, er wolle da, wo er mit dem Pferde niedersetze, eine Kapelle bauen. Dann stürmte er los gegen den Rand des Walles und setzte über die steile Wand hinaus gegen Wittnau hinunter. Dort sammelte er die Bauern um sich, fiel dem Feind listig in den Rücken und befreite die Burg. So wurde die  versprochene Kapelle gebaut. Der kühne Schimmelreiter liess sich auf dem Altarbild der Wittnauer Kirche verewigen.“ So berichtet diese alte Sage und sie fügt bei, dass jener Ritter der hl. Martin höchst persönlich gewesen sei. Das Martinsbild ist im Eingang der Kirche noch heute zu bewundern.

Wir wandern zum Wittnauer Dorfkern, welcher von der St. Martinskirche dominiert wird. Ein Blick in die Kirche zeigt uns einen schlichten, hellen Gottesdienstraum. Bei der Innenrenovation 2001/2002 schnitzte der Wittnauer Holzbildhauer die Figur des heiligen Martin, der gütig auf die Menschen blickt und mit seinem Schwert bereit ist, den Mantel zu teilen. Martin von Tours, der Patron dieser Kirche, hat unserem nun abgeschlossenen Kulturweg den Namen 'Martinsweg' gegeben. Der Heilige Martin soll uns daran erinnern, dass im Teilen von Freud und Leid wir Menschen einander und Gott näher kommen.

Chäppeli